Geschichte der indischen Textilproduktion

Indien wird in westlicher Vorstellung häufig mit farbenfrohen Festen und bunten, lebhaften Strassenbildern assoziiert, eine exotische Mischung leuchtender Gewänder und kunstvoll verzierter Stoffe. Tatsächlich blickt Indien auf eine lange Tradition in der Herstellung von Stoffen zurück, unter ihnen die hochwertigsten und kostspieligsten der Welt.  Bereits in den Veden, den ältesten Texten des Hinduismus und Basis sämtlicher Glaubensströmungen, sind Details über indische Webprozesse jener Zeit überliefert; die bekannten indischen Nationalepen Ramayana und Mahabaratha, die etwa auf das vierte Jahrhundert v. Chr. datiert werden, berichten von der Existenz von Stoffen zu jener Zeit. Indien hatte früh zahlreiche internationale Handelsbeziehungen für den Handel mit Textilien, indische Stoffe waren etwa in der Antike sehr beliebt und indische Seide in den frühen Jahrhunderten der christlichen Ära in Rom populär. Auch fand man in den ägyptischen Gräbern von Fostat, die aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. stammen, Baumwollfragmente aus Gujarat, Indien. Während der Blütezeit der Seidenstraße herrschte reger Handel mit Baumwolltextilien, welche nach China exportiert wurden.

Indien produziert auch heute noch eine Vielzahl verschiedener Stoffarten, die sich durch unterschiedliche Designs und Farbwahl und variierenden Webarten und Techniken auszeichnen. Aufgrund der vielfältigen kulturellen und regionalen Einflüsse, klimatischen Bedingungen und Handelsbeziehungen haben sich über Jahrhunderte hinweg regionalspezifische Unterschiede entwickelt, die sich bis heute erhalten haben.

Traditionelle Materialien & Techniken

Handweben
Indische Handwebearbeiten sind bekannt für ihren Facettenreichtum, ihre Vielfalt und feine Qualität. Sie sind ein integraler Bestandteil der indischen Kultur, und Feste oder Feierlichkeiten sind ohne sie nicht vorzustellen. Indische Weber nutzen lokale Mythen, Symbole und Geschichten zur Gestaltung der Webearbeiten, wobei die Farbverwendung und Webart je nach Region variiert und die lokale Identität widerspiegelt. Im Lauf der Zeit haben sich Webarten, Muster und Designs verändert, heutzutage werden häufig auch moderne Fasern und neue, maschinelle Webtechniken verwendet. Die traditionell wichtige Bedeutung der Handwebearbeiten jedoch bleibt auch heute weiterhin bestehen, lokales Wissen und Fertigkeiten werden von Generation zu Generation weitergegeben. Weltweit betrachtet weist Indien heute den größten Handweberei-Sektor auf.

Pflanzenfärbung
Die Technik des Färbens ist eines der ältesten Handwerke der Menschheit. In Indien hat sich die Herstellung von Pflanzenfarben über viele Jahrhunderte zu einer höchst komplexen Kunst entwickelt. Natürliche Farbstoffe werden aus natürlichen Materialien wie Baumrinde, Blumen, Blättern und Mineralien gewonnen, diese wurden traditionell von Webern im ganzen Land verwendet. Pflanzliche Farbstoffe sind eine Unterkategorie von natürlichen Farbstoffen, sie stammen ausschließlich aus pflanzlicher Materie. Vielfarbige Muster entstehen durch ausgeklügelte, mehrphasige Druck- und Färbetechniken, bei denen bestimmte, mit Beizlauge vorbehandelte Stellen, die Farbe besonders gut aufnehmen, und andere Bereiche durch das vorherige Auftragen spezieller Pasten keine Farbe in den Stoff eindringen lassen und daher hell bleiben.

Blockdruck
Bei der Technik des Blockdrucks wird Farbe oder Tinte von einem handgeschnitzten Holzblock auf den Stoff gedruckt. Aufzeichnungen zeigen, dass bereits im 12. Jahrhundert mehrere Zentren im Süden und an der West- und Ostküste Indiens für ihre exzellent bedruckte Baumwolle bekannt wurden. Obwohl Baumwollstoff die Eigenschaft besitzt, natürliche Farben nur schwer aufzunehmen, gelang es den indischen Kunsthandwerkern, lebendige und intensive bedruckte Stoffe zu produzieren. Heute wird dieses alte Kunsthandwerk verstärkt wiederentdeckt und in neuen Zentren wie Delhi, Mumbai, Chennai und Bangalore verbreitet.

Handstickerei
Die indische Stickerei ist fast so berühmt wie das Weben und Färben. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich spezifische regionale Stile entwickelt, die aus einer Vielzahl von Stichen und Materialien bestehen. Der Bereich, der am meisten mit Stickerei in Verbindung gebracht wird, ist Nordwest-Indien. Dort werden Stickereien in professionellen Werkstätten und von zu Hause aus produziert. Im 17. Jahrhundert wurde die feinste Gujarati-Ari-Stickerei (Hakenstickerei) sowohl vom Moghul-Hof als auch von den europäischen Verbrauchern hochgeschätzt.

Traditionelle Handarbeitstechniken heute

Trotz der auch heutzutage noch hohen internationalen Nachfrage verlassen viele junge Leute den Handarbeitssektor auf der Suche nach dauerhaften und lukrativeren Arbeitsplätzen. Der Beruf des Handwebens und der Handstickerei zeichnet sich durch extrem schlechte Arbeitsbedingungen aus, ohne regelmässiges Gehalt, Rente, Versicherung und Gesundheitsvorsorge. Ausserdem liegen die Einnahmen meist deutlich unterhalb des Mindestlohns. Auch spielen traditionelle Techniken in der Textilproduktion nur noch eine untergeordnete Rolle, denn häufig werden sie durch industrialisierte Produktionsverfahren und den Einsatz chemischer Mittel verdrängt. So wird heute etwa überwiegend mit chemischen Farbstoffen gefärbt, was katastrophale Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zur Folge hat.

Unsere Ziele

Ein zentrales Anliegen von NILAM ist der Schutz und die Förderung der traditionellen indischen Handarbeitskunst. Diese Handarbeitstechniken sind essentieller Bestandteil der indischen Geschichte, Identität und Kultur und können als Katalysator für Erwerbstätigkeit und Empowerment von Frauen in ländlichen Gebieten Indiens wirken. Mit unserer Marke Sita Crafts setzen wir uns für benachteiligte Frauen in Tamil Nadu ein. Durch Fortbildungen und Trainings zu traditionellem Textilhandwerk fördern wir die Qualifizierung ungelernter Frauen und bieten ihnen alternative Einkommensmöglichkeiten. Die in unseren indischen Werkstätten hergestellten Produkte werden später in Europa vertrieben, der internationale Trend für nachhaltige und handgefertigte Produkte kommt uns hierbei zugute. Durch die garantierte Abnahme der Produkte und die Bezahlung fairer Löhne können wir nicht nur benachteiligte indische Frauen unterstützen und in Europa das Bewusstsein für die Notwendigkeit fairen Handels schärfen, sondern gleichzeitig auch Jahrtausende alte Traditionen vor dem Untergang bewahren.

Quellen

Central Board of Secondary Education CBSE. 2014. Traditional Indian Textiles. CBSE: Delhi.

Ebert, Camilla, Mary Harlow, Eva Andersson Strand and Lena Bjerregaar. 2016. Traditional Textile Craft – an Intangible Cultural Heritage? Centre for Textile Research: Copenhagen.

India Law Offices. o. J. Indian Textile Industry.

Khatwani, Prakash und Khawani, Prunal. o. J. The Heritage of India. Indian Traditional Textile. 

Thakur, Rajendra. o. J. History of Block Printing in India. 

Tirthankar, Roy. 1998. Economic Reforms and Textile Industry in India. Economic and Political Weekly, Vol. 33, No. 32 (Aug. 8-14), pp. 2173-2182.

By | 2018-03-02T18:12:43+00:00 März 2nd, 2018|Front Page, Uncategorized|0 Comments

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