Notwendigkeit indigenen Wissens für den Entwicklungsprozess

 

Indigenes oder traditionelles Wissen ist jenes mündlich überlieferte Wissen, auf dessen Grundlage Gemeinschaften auf lokaler Ebene Entscheidungen treffen. Es ist eingebettet in gemeinschaftliche Praktiken, Institutionen, Beziehungen, Bräuche und Rituale und bezieht sich auf Bereiche wie Nahrungssicherheit, Gesundheit von Mensch und Tier, Erziehung, Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen und andere wichtige ökonomische und soziale Aktivitäten.

Anders als das moderne, globale wissenschaftliche Wissen, basiert indigenes Wissen auf magischen Erkenntnismodellen, was zweifellos einer der Gründe dafür ist, weshalb es lange Zeit in der Entwicklungszusammenarbeit ausser Acht gelassen wurde. Mittlerweile gibt es jedoch eindeutige Belege dafür, dass indigenes Wissen keinesfalls wertlos für die Entwicklung ist. Ganz im Gegenteil: Es ist aus verschiedenen Gründen sogar unerlässlich, indigenes Wissen in Entwicklungsprozesse miteinzubeziehen. Zum einen, da es einen elementaren Grundstein für die Ermächtigung Indigener in der eigenen Entwicklung darstellt. Zum anderen, weil das teilweise überaus detaillierte Wissen von den speziellen lokalen Gegebenheiten in Bereichen wie etwa der Landwirtschaft von unschätzbarem Wert ist.

 

Indigenes Wissen und Ermächtigung

Ein Hauptziel der Entwicklungszusammenarbeit besteht häufig in der Ermächtigung der Armen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der Erfolg eines Entwicklungsprojekts stark von der Integration seiner Adressaten abhängt, wie eine 1995 veröffentlichte Studie der Weltbank eindeutig aufzeigte. Demnach waren unter 121 ruralen Wasserprojekten in 49 Ländern 70 Prozent derjenigen erfolgreich, welche die lokale Gemeinschaft miteinbezogen, während nur zehn Prozent jener von Erfolg gekrönt waren, die dies nicht taten.

Warum Ermächtigung von zentraler Bedeutung für den Erfolg von Entwicklungsprojekten ist, lässt sich gut anhand eines erfolgreichen staatlichen Food-for-Work-Programms in Nepal aus dem Jahr 1993 darstellen. Hier entschloss man sich in Absprache mit der ruralen Bevölkerung, Nahrung, statt mit LKW aus der Stadt, auf die lokal übliche Weise, mit Ochsenkarren, zu verteilen. Dies brachte der Lokalbevölkerung zum einen zusätzliches Einkommen ein. Zum anderen konnten die Dorfbewohner, da es sich bei einem Ochsenkarren um einen lokalen Standard handelte, die Menge der Hilfsgüter genau abschätzen und eventuelle Verluste vor Ort öffentlich hinterfragen.

Ermächtigung in Form einer Einbindung der lokalen Bevölkerung in den Entwicklungsprozess ist zunächst eine Grundlage für die Integration indigenen Wissens in selbigen. Eine umfassende Ermächtigung findet allerdings überhaupt erst durch die Integration indigenen Wissens statt. Für die Armen stellt ihr Wissen ein Schlüsselelement ihres sozialen Kapitals dar. Häufig ist es gar das einzige Gut, über das sie frei verfügen, und ihr wichtigstes Mittel zur Selbstbestimmung. Eine Vernachlässigung dieses Wissens steht dementsprechend einer umfassenden Ermächtigung und somit auch dem Erfolg von Entwicklungsprojekten im Wege.

 

Indigenes Wissen und ökologische Landwirtschaft

Modernes wissenschaftliches Wissen, im Zusammenspiel mit dem Selbstverständnis des Menschen als ein von der Natur separiertes und ihr übergeordnetes Wesen, hat sich als ausserordentlich effektiv im Verstehen und Manipulieren einfacher Systeme erwiesen. Im Angesicht komplexer ökologischer Systeme stösst es jedoch häufig an seine Grenzen. Die Verallgemeinerungen der positivistischen Wissenschaft werden den in ihrem räumlichen und zeitlichen Rahmen stark variierenden komplexen Systemen oft nicht gerecht, sodass ihre Anwendung mit der Erschöpfung von Ressourcen und Umweltzerstörung einhergeht.

Traditionelles Wissen ist hier nicht selten überlegen. Sind Gemeinschaften auf die begrenzten Ressourcen und somit auf ein ökologisches Gleichgewicht innerhalb eines bestimmten Areals angewiesen, entwickeln sich selbstregulierende Mechanismen. Einer dieser Mechanismen besteht im Erkennen und Akkumulieren von Wissen über die wichtige Rolle, die verschiedene Arten im Generieren von Ökosystemdienstleistungen und natürlichen Ressourcen spielen. Ein solches, über Generationen immer wieder angepasstes, oft höchst detailliertes ökologisches Wissen befähigt diese Gemeinschaften dazu, die natürlichen Ressourcen ihrer Umgebung auf eine Weise zu nutzen, die dem Ökosystem nicht schadet, sondern es erhält. Dementsprechend eignet sich derartiges indigenes Wissen in besonderer Weise für eine nachhaltige Landwirtschaft.

Nachhaltigkeit

Ein gutes Beispiel für das Potenzial indigenen Wissens für eine nachhaltige Landwirtschaft stellt die Einführung ökologischen Landbaus in Indien dar. Diese fand im Bundesstaat Uttarakhand, als indischem Wegbereiter, weitgehend auf Grundlage traditioneller Praktiken der lokalen Bauern statt. Viele der Anforderungen an die ökologische Landwirtschaft waren hier im traditionellen Landwirtschaftssystem bereits gegeben und konnten nach dem Übergang zum modernen Biobauerntum weiterhin fortgeführt werden. Hierzu zählte etwa die von externen Zukäufen unabhängige Nutzung lokal verfügbaren diversifizierten Futters, darunter auch Forstprodukte mit medizinischen Eigenschaften, die für die Gesundheitsfürsorge des Viehs eingesetzt wurden. Generell setzte die grosse Mehrheit der Biobauern im Gesundheitsmanagement der Tiere auf traditionelle ayurvedische Medizin. Im Ackerbau wiederum konnten die Bauern auf ihr traditionelles Wissen zurückgreifen, um chemische Hilfsmittel zu vermeiden.

Durch die Einführung der ökologischen Landwirtschaft wurde das traditionelle technische Wissen der lokalen Bauern immens aufgewertet. Sowohl das Interesse der Bauern als auch das von politischen Entscheidungsträgern und Entwicklungshelfern an der traditionellen Landwirtschaft wurde wiederbelebt. Um dieses Wissen zu schützen und auch weiterhin in die ökologische Landwirtschaft zu integrieren, ergriff das zuständige Uttarakhand Organic Commodity Board zusätzlich die Initiative, das Wissen in Form von Sprüchen und Praktiken zu sammeln und in Broschüren zusammenzutragen.

Effektivität

Dass indigenes Wissen nicht nur nachhaltiger, sondern auch schlicht effektiver sein kann als wissenschaftliches Wissen, belegen Beispiele aus Kolumbien und Ruanda. Wissenschaftler des Institut des Sciences Agronomiques in Ruanda und des Centro International de Agricultura Tropical in Kolumbien wunderten sich, dass die nach wissenschaftlichen Standards drei besten von ihnen gezüchteten Bohnensorten nur mässige Zunahmen im Ertrag einbrachten. Daraufhin liessen sie Bäuerinnen aus 20 Bohnensorten die ihrer Meinung nach drei besten auswählen und zu Hause mit ihren eigenen Mitteln testen. Es zeigte sich, dass die Auswahl der Frauen zwischen 60 und 90 Prozent mehr Ertrag einbrachte als die der Wissenschaftler (die übrigens noch sechs Monate später die Auslese der Bäuerinnen kultivierten).

Integration indigenen Wissens

Auf der ersten Global Knowledge Conference in Toronto 1997 forderten Regierungsvertreter und zivilgesellschaftliche Gruppen die Weltbank und andere Stiftungen auf, indigenes Wissen systematischer in den Entwicklungsprozess einzubinden. Als Reaktion rief wenig später die Afrika-Abteilung der Weltbank in Zusammenarbeit mit über einem Dutzend Organisationen das Indigenous Knowledge for Development Program ins Leben. Ziel des Programms war es, das Bewusstsein für den potentiellen Nutzen indigenen Wissens in der Entwicklungszusammenarbeit zu schärfen, einschlägige Informationen zu verbreiten sowie indigenes Wissen in Projekte der Weltbank zu integrieren und Kapazitäten von lokalen Institutionen aufzubauen.

Seitdem wurde viel in der Integration indigenen Wissens in die Entwicklungszusammenarbeit erreicht. Mittlerweile existiert ein globales Netzwerk von Zentren für indigenes Wissen, denen akademische Einrichtungen, NGOs, CBOs und Individuen angehören, die sich für das Studium, die Dokumentation, Verbreitung und Verfechtung indigenen Wissens einsetzen. Ferner entstehen ständig neue Netzwerke auf regionaler Ebene, in denen Erfahrungen, Fähigkeiten und Wissen ausgetauscht werden.

Diese positive Entwicklung bedeutet jedoch nicht, dass die Integration indigenen Wissens von alleine stattfindet. Noch immer herrscht häufig auf Seiten der Entwicklungshelfer die Annahme vor, dass das wissenschaftliche globale dem traditionellen lokalen Wissen überlegen sei. Unglücklicher Weise wird diese Einstellung nicht selten von den Indigenen selbst geteilt, was ihre Bevormundung (Paternalismus) begünstigt und so ihrer Ermächtigung entgegenwirkt.

Allerdings ist auch nicht jedes indigene Wissen ohne Weiteres anwendbar. So sollte etwa vor einer Verbreitung medizinischer Praktiken über den ursprünglichen Kontext hinaus deren Validität wissenschaftlich geprüft werden, um Sicherheit und Effektivität zu gewährleisten. Auch leben nicht alle Indigenen im Einklang mit der Natur, sodass sich ihr Wissen nicht zwangsläufig für nachhaltige Landwirtschaft eignet. Letztendlich gilt es nicht, das eine Wissen durch das andere zu ersetzen, sondern in einem Prozess gemeinsamen Lernens eine fruchtbare Symbiose beider zu schaffen, die der Entwicklung dient.

By | 2017-10-17T11:02:24+00:00 Juli 4th, 2017|Front Page, Uncategorized|0 Comments

Leave A Comment