Ernährungssicherheit, Herausforderungen und Lösungen in Indien, Tamil Nadu und Sri Lanka

>Ernährungssicherheit, Herausforderungen und Lösungen in Indien, Tamil Nadu und Sri Lanka

Ernährungssicherheit, Herausforderungen und Lösungen in Indien, Tamil Nadu und Sri Lanka (Teil 2)

Im ersten Teil unseres Artikels haben wir euch das Konzept ‚Ernährungssicherheit’ vorgestellt und euch verschiedene Methoden gezeigt, wie Ernährungssicherheit gemessen werden kann. Ausserdem haben wir die prekäre Situation der Mangelernährung in Indien und Sri Lanka erklärt. Dort hat ein Zusammenspiel aus westlichen Interventionen und lokalen Gegebenheiten dazu geführt, dass ein grosser Teil der Bevölkerung mangelernährt ist. Im ersten Teil des Artikels haben wir uns auf die lokalen Gegebenheiten konzentriert, indem wir auf die ungleiche Einkommensverteilung, den mangelnden Zugang zu Hygiene und Bildung und die benachteiligte Stellung der Frau aufmerksam gemacht haben. Im folgenden Teil beschäftigen wir uns näher mit der Rolle des Westens und dessen Interventionen, die teilweise zur Zunahme der Mangelernährung, Erkrankungen sowie Umweltzerstörung beigetragen haben.

Weitere Aspekte der Ernährungssicherheit

Ernährungssicherheit ist eng verknüpft mit Landwirtschaft und Biodiversität. So ist es wichtig, dass die Biodiversität erhalten bleibt und die Landwirtschaft nachhaltig gestaltet wird; ausserdem müssen sich Tiere und Pflanzen an den Klimawandel anpassen. Besonders der übermässige Einsatz von Düngern und Pestiziden hat in Indien und in Sri Lanka zu schwerwiegenden Missständen geführt. So degradieren die Böden bis hin zu ihrer Unnutzbarkeit, während die Menschen die gesundheitlichen Folgen spüren. Es wird vermutet, dass der massive Einsatz von Agrochemie in Sri Lanka zur Auslösung gravierender Krankheiten wie chronisches Nierenversagen beigetragen hat. Mehrere Studien belegen, dass die Menschen über die Nahrungskette und durch den Kontakt mit Pestiziden sowohl dem Schwermetall Cadmium, als möglicherweise auch Blei und Arsen ausgesetzt sind. Ein Grund für den hohen Einsatz von Pestiziden ist seit 1962 die staatliche Subventionierung. Trotz Kritik und Nachweisen, dass das Grundwasser Schaden durch die Übernutzung nimmt, setzt sich die Regierung Sri Lankas erst seit Kurzem für eine stärkere Förderung von natürlichem Dünger ein. Wie es zur Einführung von westlichen Landwirtschaftsmethoden und Pestiziden kam, erläutert der folgende Abschnitt.

Die grüne Revolution…

In den 1960er Jahren kam es in Südasien, vor allem in Indien, zu einer Nahrungsmittelknappheit. Um mehr Ertrag in der Landwirtschaft zu erzielen, stellten verschiedene US-Institute Forschungen an, im Zuge derer sogenannte high yielding varieties, also Hochertragssorten, sowie moderne Maschinerie, künstliche Dünger und Bewässerungssysteme in Indien und Sri Lanka eingeführt wurden. Diese Modernisierung, die heute unter dem Begriff ‚Grüne Revolution’ bekannt ist, erzielte auf kurze Sicht zwar mehr Ertrag und somit eine erhöhte Ernährungssicherheit, hatte jedoch auf lange Sicht verheerende Konsequenzen.

…und ihre Folgen

Der anfänglich steigende Ertrag stagnierte bald und wurde dann rückläufig. Der massive Einsatz von Düngemitteln zerstörte die Umwelt und belastete die Gesundheit, während die intensive Bewässerung den Grundwasserspiegel sinken und die Böden erodieren liess. Die Konzentration auf Monokulturen, der Einsatz von Maschinen und das Vertrauen auf chemischen Pflanzenschutz reduzierten die Vielfalt von Ernten, Pflanzen und Tieren im Land. Ausserdem profitierten vom ersten Anstieg nur grosse und mittelgrosse Farmen, da diese besseren Zugang zu den neuen Methoden hatten. Kleingrundbesitzer, die gerade aufgrund ihrer hohen Produktivität eine wichtige Rolle in der Ernährungssicherheit einnehmen, mussten sich entweder lebenslang verschulden oder ihr Land aufgeben. Die grüne Revolution hatte auch Auswirkungen auf die Ernährung der Menschen. Insbesondere die Ärmsten gaben ihren abwechslungsreichen Speiseplan auf und ernährten sich im Zuge der grünen Revolution vor allem von den günstigen Hochertragssorten, was den Verlust vieler wichtiger Mikronährstoffe zur Folge hatte. Gleichzeitig stiegen die Preise von nährstoffreichen Lebensmitteln und machten sie selbst für wohlhabendere Menschen unzugänglich.

Gen- und Biotechnologien

Ab den 1980ern sollten neue Gen- und Biotechnologien die Erträge steigern. Abgesehen von den bis heute unklaren Folgen für Mensch und Natur sind genmodifizierte Sorten sehr teuer. Da sie nur ein einziges Mal keimen, müssen das Saatgut sowie die passenden Dünger für jede Aussaat neu erworben werden. Ausserdem blieb auch hier der versprochene Erfolg aus: Die Unkräuter bildeten nämlich Resistenzen gegen die Herbizide, sodass immer mehr, statt weniger, davon eingesetzt werden mussten. Gleichzeitig bildeten auch die Schädlinge Resistenzen gegenüber dem von genmanipulierten Pflanzen produzierten Insektengift, sodass der Nutzen solcher Pflanzen abnahm.

Traditioneller vs. konventioneller Anbau: Auf diesem Bild sieht man eine Kokosnuss aus traditionellem Anbau (links) und eine aus konventionellem Anbau (rechts). Dies zeigt, dass traditionelle Methoden einen positiven Einfluss auf das Fruchtwachstum haben.

Regierungsstrategien

All dies sind Schwierigkeiten, welche bei beiden Regierungen ganz oben auf der Agenda stehen. Das Ziel ist es, die Ernährungssicherheit während des gesamten Lebenszyklus zu fördern. In der 2017 von Sri Lanka veröffentlichten Strategie wird nun auch hervorgehoben, dass nachhaltige Landwirtschaft gefördert werden soll. Dabei werden aber auch widersprüchliche Ziele genannt: Einerseits soll die Landwirtschaft weiter modernisiert werden und andererseits sollen wieder traditionelle Methoden genutzt werden. Auch die geringe Koordination zwischen den Ministerien und die geringen personellen und finanziellen Ressourcen lassen Zweifel an der Umsetzung aufkommen. Doch es gibt auch positive Beispiele: Gemeinsam mit den Vereinten Nationen wurden in Indien Mittagessen an Schulen bereitgestellt, schwangere und stillende Mütter unterstützt und Getreide für die Ärmsten subventioniert. Besonders die “Rajmata Jijau Mother-Child Health and Nutrition Mission” gilt als Pionierprojekt. Dabei werden viele präventive Ansätze gestärkt: von der Beratung junger Paare, über die Betreuung von schwangeren Frauen bis hin zur Verteilung von Nahrungsmitteln an unterernährte Kinder.

Ausserdem werden durch andere Projekte traditionelle Methoden der Landwirtschaft und Ernährung gefördert. So erfährt zum Beispiel Hirse einen Aufschwung. Das nährstoffreiche Getreide verschwand mit der Grünen Revolution vom Speiseplan der Menschen. Dabei lässt es sich recht günstig anbauen und senkt den Zuckerspiegel im Körper auf natürliche Weise, wodurch Diabetes vorgebeugt wird.

Die oben aufgeführten Massnahmen haben die Anzahl der Hungernden zwar bereits signifikant verringert, dennoch ist sie bis heute hoch. Im Folgenden möchten wir erläutern, wie NILAM zu einer positiven Veränderung beiträgt.

Hirse ist aus der Ernährung der Bevölkerung fast verschwunden und erlebt jetzt wieder einen Aufschwung.

Wie trägt NILAM zur Ernährungssicherheit bei?

NILAM vertritt in all seinen Projekten einen ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatz. Neben ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten berücksichtigen wir in unserer Arbeit auch Kultur- und Gemeinschaftswerte.

Eines unser Hauptanliegen ist es, ein Bewusstsein für die angesprochenen Herausforderungen in der Öffentlichkeit zu schaffen. Wir arbeiten eng mit unserer Partnerorganisation SAPPHIRE Trust und der lokalen Bevölkerung, um mit künftigen Studienreisen und Bauernpatenschaften einen Beitrag in diesem Bereich zu leisten.

Speziell im Rahmen unserer landwirtschaftlichen Projekte tragen wir aktiv zur Ernährungssicherheit bei: Wir fördern die traditionelle, biologische Landwirtschaft, die die Böden nicht erodiert und Erzeugnisse hervorbringt, die dem menschlichen Organismus nicht schaden. Dabei werden auch Bauern bei der Umstellung von konventioneller auf ökologische Landwirtschaft unterstützt. Die Förderung der traditionellen Landwirtschaft und des Kleinbauerntums trägt durch ihre erhöhte Produktivität einerseits, und den Schutz der vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt andererseits, zur nachhaltigen Ernährungssicherheit des gesamten Landes bei.

In naher Zukunft importieren wir mit unserer Eigenmarke ‚Thamarai‘ Bioprodukte aus Indien in die Schweiz, um auch hierzulande eine gesunde und traditionelle Ernährung zu unterstützen. Die Wirkung ist weitreichend: So erhalten die Bauern vor Ort die Möglichkeit, ihre Produkte zu verkaufen und sich somit ein nachhaltiges Einkommen zu sichern. Gleichzeitig können sie die produzierten Lebensmittel auch selbst konsumieren und sich auf diese Weise gesund und abwechslungsreicher ernähren‚ Thamarai’ ist ein innovatives Biolabel, weil Lebensmittel vom Erzeuger im Ursprungsland direkt zum Konsumenten in Europa gebracht werden. Die Ausschaltung des Zwischenhandels stellt sicher, dass die Erzeuger im Ursprungsland ein angemessenes Einkommen erzielen. Mehr über die verschiedenen Aspekte unserer Arbeit im Zusammenhang mit nachhaltiger Landwirtschaft findet ihr hier.

Indigene bzw. traditionelle Landwirtschaftsmethoden sind nachhaltig und fördern die Ernährungssicherheit. Auf dem Foto sieht man eine Kakaofarm die Misch- statt Monokultur betreibt. Dieser Bauer pflanzt Kakao im Schatten der Kokospalme, anstatt den Kakao als Monokultur der Sonne auszusetzen. Dadurch schützt er die Erde und die Biodiversität. Andere traditionelle Landwirtschaftsmethoden sind Agroforstwirtschaft, Fruchtfolge, Polykultur und Regenwassersammlung.

Literatur

FAO Regional Office for Asia and the Pacific (2002): Smallholder Farmers in India: Food Security and Agricultural Policy. URL: http://www.apaari.org/wp-content/uploads/2009/08/small-farmers-in-india1.pdf (Zugang 08.04.2018)

FAO: Food Security. URL: http://www.fao.org/docrep/005/y4671e/y4671e06.htm (Zugang 01.04.2018)

Government of Maharashtra: Rajmata Jijau Mother-Child Health and Nutrition Mission. URL: http://www.mahnm.in/ (Zugang 07.04.2018).

Greenpeace. Gen-Pflanzen: riskant, unkontrollierbar, nutzlos! URL: https://www.greenpeace.de/themen/landwirtschaft/gentechnik/risiken-der-gentechnik/gen-pflanzen-riskant-unkontrollierbar (Zugang 16.04.2018)

Jayatilake, N., Mendis, S., Maheepala, P., & Mehta, F. R. (2013). Chronic kidney disease of uncertain aetiology: prevalence and causative factors in a developing country. BMC nephrology, 14(1), 180.

Kress, D. (2012). Investitionen in den Hunger?: Land Grabbing und Ernährungssicherheit in Subsahara-Afrika (Vol. 1). Springer-Verlag.

Kulkarni, V. (2018). From Green Revolution to Millet Revolution. Businessline. URL: https://www.thehindubusinessline.com/specials/india-file/from-green-revolution-to-millet-revolution/article23356997.ece (Zugang 08.04.2018)

Ministry of Agriculture of Sri Lanka: Agriculture Sector Modernization Project. URL: http://www.agrimin.gov.lk/web/index.php/project/12-project/841-agriculture-sector-modernization-project (Zugang 23.04.2018)

Ministry of Agriculture of Sri Lanka (2015): Sri Lanka Food Production National Programme 2016-2018. URL: http://www.agrimin.gov.lk/web/images/pdf/FoodProductionBook-English.pdf (Zugang 23.04.2018)

Oeko-Fair. Die Situation der Kleinbauern. URL: http://www.oeko-fair.de/clever-konsumieren/essen-trinken/reis/markt-und-handel/die-situation-der-kleinbauern/die-situation-der-kleinbauern3 (Zugang 08.04.2018)

Oxfam (2010): Food Security in India: Performance, Challenges and Policies. URL: https://www.oxfamindia.org/sites/default/files/VII.%20Food%20Security%20in%20India-Performance%2C%20Challenges%20and%20Policies.pdf (Zugang 01.04.2018)

Pingali, P. L. (2012). Green Revolution: Impacts, limits, and the path ahead. Proceedings of the National Academy of Sciences, 109(31), 12302-12308.

Prabhakar, S. (2016). Top woman health official has put Tamil Nadu on millet mode. Times of India. URL: https://blogs.timesofindia.indiatimes.com/tracking-indian-communities/top-woman-health-official-has-put-tamil-nadu-on-millet-mode/ (Zugang 08.04.2018)

Ramalingaswami, V., Jonsson, U., & Rohde, J. (1996). The Asian enigma.

Ray, D. (1998): Development Economics, Chap. 13, Princeton: University Press.

Redmon, J. H. et al. (2014). Additional perspectives on chronic kidney disease of unknown aetiology (CKDu) in Sri Lanka–lessons learned from the WHO CKDu population prevalence study. BMC nephrology, 15(1), 125.

Resilience. Five indigenous farming practices enhancing food security. URL: http://www.resilience.org/stories/2017-08-14/five-indigenous-farming-practices-enhancing-food-security/ (Zugang 25.04.2018)

Rundgren, G., & Parrott, N. (2006). Organic agriculture and food security. IFOAM.

Sarkar, A., Aronson, K. J., Patil, S., & Hugar, L. B. (2012). Emerging health risks associated with modern agriculture practices: A comprehensive study in India. Environmental research, 115, 37-50.

Singh, R. B. (2000). Environmental consequences of agricultural development: a case study from the Green Revolution state of Haryana, India. Agriculture, ecosystems & environment, 82(1-3), 97-103.

Sohail, S. (2017). In Indien wird nationale Identität über das Essen definiert. Heinrich Böll Stiftung. URL: https://www.boell.de/de/2017/04/10/indien-wird-nationale-identitaet-ueber-das-essen-definiert-0 (Zugang 05.04.2018)

The News Minute (2017): Only 31% children get adequate nutrition in Tamil Nadu and that’s the highest in India. URL: https://www.thenewsminute.com/article/only-31-children-get-adequate-nutrition-tamil-nadu-and-s-highest-india-59987 (Zugang 25.04.2018)

Unicef (2017): The State of Food Security and Nutrition in the World. URL: https://data.unicef.org/resources/state-food-security-nutrition-world/ (Zugang 01.04.2018)

United Nations of India: Nutrition and food security. URL: http://in.one.un.org/un-priority-areas-in-india/nutrition-and-food-security/ (Zugang 01.04.2018)

Varma, S. (2012): Superpower? 230 million Indians go hungry daily. The Times of India. URL: https://timesofindia.indiatimes.com/india/Superpower-230-million-Indians-go-hungry-daily/articleshow/11494502.cms (Zugang 03.04.2018)

World Food Programme: India. URL: http://www1.wfp.org/countries/india (Zugang 01.04.2018)

World Food Programme Sri Lanka (2017): Overview: National Strategic Review of Food Security and Nutrition: Towards Zero Hunger. URL: https://docs.wfp.org/api/documents/WFP-0000063554/download/ (Zugang 23.04.2018)

World Health Organisation (2016): Health Observatory (GHO) URL: http://apps.who.int/gho/data/node.wrapper.nutrition-2016?lang=enGlobal (Zugang 01.04.2018)

By | 2018-05-10T11:36:56+00:00 Mai 10th, 2018|Uncategorized|0 Comments

Leave A Comment