Ernährungssicherheit, ein Überblick (Teil 1)

Was ist Ernährungssicherheit?

Ernährungssicherheit ist ein Konzept, das eingeführt wurde, um die Verfügbarkeit und den Zugang zu Nahrungsmitteln zu sichern. Die offizielle Definition der Food and Agricultural Organisation lautet wie folgt: “Ernährungssicherheit ist gegeben, wenn alle Menschen zu jeder Zeit physischen, sozialen und ökonomischen Zugang zu genügend, sicherer und nährstoffreicher Nahrung haben sowie die Nahrungsbedürfnisse und die Präferenzen für ein aktives und gesundes Leben sichergestellt werden können”. Diese Definition enthält viele wichtige Punkte, welche auf vier Ebenen gegliedert sind: Verfügbarkeit, Zugang, Nutzbarkeit und Stabilität von Nahrungsmitteln.

Was genau ist unter den einzelnen Punkten zu verstehen? Unter Verfügbarkeit versteht man das Vorhandensein von ausreichend Nahrungsmitteln, die eine gute Qualität aufweisen. Diese Verfügbarkeit kann durch nationale Produktion oder durch Importe gesichert werden. Mit Zugang ist gemeint, dass die Menschen genügend Ressourcen haben um Nahrungsmittel zu erwerben. Das kann Geld sein, oder aber andere Ressourcen, die im Tauschhandel genutzt werden können. Ausserdem müssen die Ressourcen ausreichend sein, um eine angemessene Ernährung, also eine abwechslungsreiche und nährstoffreiche Ernährung, sicherzustellen. Die Nutzbarkeit umschliesst die physiologischen Bedürfnisse eines Menschen, welche gedeckt werden müssen. Neben der Qualität der Nahrungsmittel spielen hier Zugang zu sauberem Wasser, hygienische Zustände und die Gesundheitsversorgung eine Rolle. Die Stabilität beschreibt die durchgehende Verfügbarkeit – die gesamte Bevölkerung, also jeder Haushalt und jede einzelne Person – soll auch während Umweltkatastrophen oder Wirtschaftskrisen Zugang zu Nahrungsmitteln haben.

Wie lässt sich Ernährungssicherheit messen?

Um eine Aussage über die Ernährungssicherheit eines Landes oder einer Region treffen zu können, müssen die vier einzelnen Ebenen so formuliert werden, dass man sie berechnen kann. Ein bekannter Index, der dies umgesetzt hat, ist der Global Food Security Index. Dieser misst für jedes Land Erschwinglichkeit, Verfügbarkeit, Qualität und Sicherheit von Nahrungsmitteln sowie die natürlichen Ressourcen und die Anpassungsfähigkeit eines Landes. Dies geschieht, indem zum Beispiel gemessen wird, ob jeder Haushalt genügend Nahrungsmittel zur Verfügung hat, wie viel Prozent des Einkommens dafür ausgegeben werden und ob mit diesen Nahrungsmitteln alle wichtigen Nährstoffe ausreichend abgedeckt werden können. Einen anderen Ansatz wählt hingegen der Global Hunger Index, der sich auf das Messen von ‚Hunger’ konzentriert. Dies geschieht, indem die Unterernährung der Bevölkerung gemessen wird, die Rate der Kinder, die in Relation zu ihrer Körpergrösse zu wenig wiegen und zu klein sind für ihr Alter, sowie die Kindersterblichkeit.

Beide Indizes berechnen auf dieser Grundlage Punktzahlen für verschiedene Länder und erstellen daraufhin ein Länderranking. Am besten schneiden die Länder Nordamerikas und Europas sowie Australien und Neuseeland ab. Aber auch Japan, Südkorea und Oman belegen Top-Plätze. Es sind also die reichen Industrieländer, viele davon mit einem starken Agrarsektor, die hier besonders hohe Punktzahlen erreichen. Im Gegensatz dazu belegen subsaharische Länder und auch Jemen, Haiti und Laos die letzten Plätze.

Ernährungssicherheit in Indien und Sri Lanka

In den beiden erwähnten Rankings schneiden Indien und Sri Lanka im Vergleich zu anderen Ländern nicht gut ab. Der Global Food Security Index bewertet insgesamt 113 Länder. Sri Lanka belegt dabei Platz 66 und Indien Platz 74. Im Global Hunger Index wird die Situation noch deutlicher: Von 119 bewerteten Ländern belegt Sri Lanka Platz 84 und Indien Platz 100. Damit liegen sie gleichauf mit Ländern wie Nordkorea und Djibouti. Doch was genau bedeutet dies für die Regionen? In Zahlen ausgedrückt ist in Sri Lanka rund ein Drittel der Bevölkerung unterernährt, in Indien sind es ungefähr 17%. Das mag auf den ersten Blick als nicht viel erscheinen, jedoch leben in Indien somit ein Viertel aller Hungernden weltweit. Dies ist besonders erschreckend, wenn man bedenkt, dass Indien in den letzten beiden Jahrzehnten ein enormes Wirtschaftswachstum aufwies. Davon profitieren aber nicht alle Bürgerinnen und Bürger, denn insbesondere die Ärmsten bleiben davon unberührt. Dies zeigt sich an der ungerechten Verteilung des neuen Wirtschaftswunders, denn es kommt grösstenteils den reichsten 10% des Landes zugute.

Bildquelle: Weltbank. URL: https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.CD (Zugang 04.04.2018)

Das steigende Bruttoinlandsprodukt (in US$) zeigt das Wirtschaftswachstum in Indien. Der enorme Anstieg der letzten 20 Jahre kommt jedoch nicht bei allen Bürgerinnen und Bürgern an.

Die ungerechte Einkommensverteilung ist ein grosses Problem, da es den Zugang zu Lebensmitteln für ärmere Menschen erschwert. Vor allem eine vielseitige und nährstoffreiche Ernährung ist vom Einkommen abhängig, sodass viele Menschen sich zu einseitig von Reis und Getreide ernähren müssen. Dadurch werden sie zwar satt, aber es fehlt an wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen, die der Körper braucht, um sich voll zu entwickeln. Über einen längeren Zeitraum führt dies dazu, dass die Menschen unterernährt und anfälliger für chronische Krankheiten sind.

Eine oftmals übersehene Tatsache ist das so genannte South Asian Enigma: Es beschreibt das Phänomen, dass Kinder in Südasien schlechter ernährt sind als Kinder in Subsahara-Afrika[1], obwohl Unter- und Mangelernährung in der öffentlichen Wahrnehmung eher Afrika zugeordnet werden. Dieses Phänomen wurde Mitte der 1990er Jahre bekannt gemacht und ist leider bis heute gültig, denn Südasien hat auch heute noch eine der höchsten Raten an Kinderunterernährung in der Welt. Waren die Unterschiede in den 1990ern jedoch deutlich klarer (fast 60% Unterernährung bei unter 5-jährigen Kindern in Südasien und 36% in Afrika), so haben sich die Zahlen bis heute deutlich verbessert (“nur noch” 34% in Südasien und 28% in Afrika). Gleichzeitig ist jedoch auch die Bevölkerung gewachsen, sodass die Rate keine Information über das Sinken der absoluten Zahl an unterernährten Kindern gibt. In unserer Projektregion Tamil Nadu erhalten nur 31% der Kinder eine adäquate Ernährung. Dies ist jedoch die höchste Rate unter allen indischen Bundesstaaten. Am Ende der Rangliste befinden sich die Bundesstaaten Rajasthan, Gujarat, UP, Delhi und Punjab. Das South Asian Enigma beschreibt allerdings nur Durchschnittszahlen für den gesamten Kontinent  und bezieht sich ausschliesslich auf Kinder. Das heißt, dass es trotz dieses Umstandes einige afrikanische Länder gibt, in der die Versorgung mit Nahrungsmitteln deutlich schlechter ist als in Indien.

Es wird vermutet, dass die hohe Rate an Unterernährung in Indien vor allem mit dem niedrigen sozialen Status der Frauen in Südasien zusammenhängt. So werden die Kinder oftmals unterernährt geboren, da bereits die Mütter nicht ausreichend Nahrung aufnehmen. Dies beeinflusst auch die Qualität und Quantität der Nahrung beim Stillen.

Bildquelle: Unicef, WHO, Weltbank. URL: http://apps.who.int/gho/data/node.wrapper.nutrition-2016?lang=enGlobal (Zugang 04.04.2018)

Das South Asian Enigma: Die Grafik zeigt den prozentualen Anteil der unter 5-jährigen an Stunting und Wasting. Stunting beschreibt eine zu kleine Körpergrösse für das Alter und Wasting ein zu geringes Körpergewicht für die Grösse eines Kindes. Abgebildet ist der Vergleich zwischen dem südlichen Afrika und südlichen Asien. Auch wenn die Zahlen seit 1990 kontinuierlich sinken, sind sie nach wie vor hoch.

Eine weitere Ursache für die Beeinträchtigung der Ernährungssicherheit ist der mangelnde Zugang zu Hygiene und Bildung. Gibt es beispielsweise keine oder nicht ausreichend Toiletten, so können sich Krankheiten leichter verbreiten. Kinder sind davon besonders betroffen und nehmen infolgedessen weniger Nährstoffe auf, was auch zu Unterernährung führt. Die Verbreitung von Krankheiten wird durch die hohe Bevölkerungsdichte in Indien und Sri Lanka verstärkt. 2016 lebten in Indien 445 Menschen auf einem Quadratkilometer, in Sri Lanka waren es 332 Menschen. Im Vergleich dazu: In der Schweiz lebten im selben Jahr nur knapp 212 Menschen auf einem Quadratkilometer.

Auch Bildung spielt eine Rolle in der Ernährung. Vor allem Mütter, die nicht lesen und schreiben können und sehr jung heirateten, haben später unterernährte Kinder. Viele von ihnen wissen nicht, welche Nahrung für ihre Kind optimal ist, oder dass es in den ersten Monaten ausschliesslich gestillt werden sollten. Leider zeigen Studien aber auch, dass es sogar in besser gebildeten Familien teilweise unterernährte Kinder gibt.

Im zweiten Teil des Artikels geben wir aufschlussreiche Einblicke in die Situation der Ernährungssicherheit in Indien, Tamil Nadu und Sri Lanka, erläutern verschiedene Probleme und zeigen Lösungen auf.

 

[1] Subsahara-Afrika, Afrika südlich der Sahara oder Schwarzafrika bezeichnet den geografisch südlich der Sahara gelegenen Teil des afrikanischen Kontinents. Die UN zählt alle Länder, die ganz oder teilweise südlich der Sahara liegen, zu diesem Gebiet. Demnach gehören zu Subsahara-Afrika 49 der 54 Staaten in Afrika.

Literatur

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Kress, D. (2012). Investitionen in den Hunger?: Land Grabbing und Ernährungssicherheit in Subsahara-Afrika (Vol. 1). Springer-Verlag.

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By | 2018-04-26T08:17:19+00:00 April 22nd, 2018|Front Page, Uncategorized|2 Comments

2 Comments

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